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Mem: (von dem engl. Biologen R. Dawkins auf der Grundlage von lat. memoria, griech. μίμησις und frz. même geschaffenes Kunstwort): enkephalotrope Information.
     Information kann in Hirnen in Gestalt komplexer Schaltungen gespeichert werden. Ist dies geschehen, kann sie von den Trägern dieser Hirne bisweilen auch auf anderer Basis (z.B. Schallwellen) codiert und so emittiert werden, daß sie von den Trägern konspezifischer Hirne decodiert und dann wiederum in der ursprünglichen Form, also als neuronales, im Hirn (= ἐγκέφαλον) lokalisiertes Schaltmuster gespeichert werden kann. Das Schaltmuster des decodierenden zweiten, dritten usw. Hirns, welches die ursprüngliche Information speichert, ist also dasselbe (frz. même) wie das ursprüngliche Schaltmuster; es ahmt es nach (und kann auch durch Nachahmung = μίμησις einer beobachteten und aufgrund ihres beobachteten Resultats als wünschenswert betrachteten Handlung gespeichert worden sein); ist es gespeichert, läßt es sich wieder abrufen, also erinnern (= meminisse; daher das lat. Wort für »Gedächtnis« memoria). Dieser Vorgang läßt sich auch unter nicht-menschlichen Tieren mit relativ hoch entwickelten Gehirnen beobachten, z.B. unter gewissen Vögeln, die Gesangsabwandlungen ihrer Artgenossen übernehmen, oder unter Affen, die z.B. das Waschen von Knollenfrüchten im fließenden Wasser von ihren Artgenossen erlernen. Durch ~gemeinschaften werden solcherart Traditionsbildungen möglich. Diese tradierten gleichartigen Verhaltensweisen sind folglich nicht durch Gene bewirkt (wie das z.B. die Mehrheit der arttypischen Vogel- und sämtlicher Insektengesänge ist, ebenso die Blinkrhythmen aller blinkenden Leuchtkäferarten oder das Anklammern menschlicher Säuglinge an Haarsträhnen), sondern durch ~e. Gene können möglichen Memen nur die »Hardware« (nämlich Hirne, Sinnesorgane, Greiforgane usw.) zur Verfügung stellen lassen, während die ~e zu diesen materiellen Grundlagen im Verhältnis der »Software« stehen; sie sind Strukturen bzw. Informationen, Gene dagegen Makromolekülketten, welche der Codierung gänzlich anderer Informationen dienen (nämlich derjenigen, die zur Produktion des Körpers und dessen Chemismus führen bzw. nötig sind). Beide haben – als einzige bekannte Objekte möglicher Forschung – die seltene Eigenart gemeinsam, ihre eigene Kopie (»Replikation«) bewirken zu können. Da es Gene seit schätzungsweise vier Milliarden Jahren gibt, während sie erst seit höchstens dreißig Millionen Jahren die Produktion derart leistungsfähiger Hirne bewirken konnten, daß diese zum »Senden« von ~en (von Hirn zu Hirn) fähig sind, nennt Dawkins letztere (die ~e) »die neuen Replikatoren« (die Gene sind dementsprechend die alten Replikatoren).
     Information kann in der unterschiedlichsten Weise codiert und in Gegenständen oder Prozessen enthalten sein; nur diejenigen Informationen, welche in Richtung auf Decodierung und anschließende Speicherung in konspezifischen Hirnen codiert worden sind (weswegen F.E. Hoevels sie »enkephalotrop« nennt), sind ~e. Unsere eigene Tierart ist in der Lage, deren Codierung bewußt und auf vielfältige Weise zu vollziehen; z.B. als Linienkomplexe (Schriftzeichen) oder elektronische Signale (CD-Speicher, Pixel, Radiowellen). Menschen können auch ganze Memkomplexe (von Hoevels »Memome« genannt, z.B. handwerkliche Gebrauchsanweisungen, Wissenschaften und auch Ideologien) durch Kürzel, sozusagen Makros, durch die der Psychologie und Biologie wohlbekannten Mechanismen der Kontingenz und Verstärkung als »Symbole« oder »Zeichen« aktivieren. In diesem Sinne kann auch ein aufwendig hergestellter Gegenstand, ein Kreuz, ein Minarett, ein Kirchturm usw., ein ~ sein, da die in ihm codierte Information enkephalotrop ist, die etwa in den Kratzspuren von Gletschern oder Höhlenbären oder in fossilen Blattabdrücken enthaltene jedoch nicht, auch wenn letztere durch cerebrale Aktivität durchaus häufig aus diesen herausgeholt werden kann.
     Da ~e Replikatoren sind, ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Replikation, genau wie bei Genen, unterschiedlich groß. Sie unterliegen im Laufe der Zeit also einer Selektion. Sobald Herrschaft besteht, dürfte der größte Selektionsvorteil (d.h. die höchste Replikationswahrscheinlichkeit und daher -rate) für Meme entgegen Dawkins' Vermutung nicht so sehr oder nur unter bestimmten, eher seltenen Rahmenbedingungen in deren verläßlicher (und daher potentiell technisch nutzbarer) Wiedergabe der realen Zusammenhänge bestehen als in deren Förderung durch die Herrschaftsträger. Diese hängt direkt von der Sympathie oder Antipathie derselben für die jeweiligen ~e ab; ihre besagte Sympathie und entsprechende Förderung dürfte durchschnittlich am größten sein, je mehr diese ~e zum Bestand oder zur Vergrößerung ihrer Herrschaftsvorteile beitragen, ihre Antipathie und entsprechende Unterdrückung, je mehr damit zu rechnen ist, daß sie die entgegengesetzte Wirkung haben. Die Marx-Engels'sche Ideologietheorie erhält durch diese Überlegungen zur ~selektion eine starke Stütze und Präzisierung.


 
 
 

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