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Sekte: (von lat. sequi »folgen«, sek. »befolgen«; urspr. neutr. pl. secta→ fem. sg. »Grundsätze«; Lebensregeln→ Lebensweisen→ von einer Philosophenschule empfohlene Lebensweise→ Philosophenschule→ Religionsgemeinschaft. Den pejorativen Klang, der das Wort in neuester Zeit besonders schrill kennzeichnet, erhält es nicht vor dem 4. Laterankonzil [1204]. Eine etymologische Verbindung zu lat. secare »schneiden«, wie manchmal fälschlich zu lesen, besteht nicht.): Kleine Religionsgemeinschaft, die seitens der Mehrheit, gewöhnlich auch des Staates, Diskriminierungen und böswilliger Berichterstattung bis haltlos phantastischer übler Nachrede (z.B. Ritualmordlegende) ausgesetzt ist.
     Zur Etymologie u. Begriffsentwicklung s. H. Georges, Handwörterbuch der lat. Sprache, s.v. secta.
Entscheidendes Kennzeichen der ~ ist – so auch die in wesentlich aufgeklärterer und toleranterer Zeit als heute entstandene, seither nie angegriffene Definition des Religionskundlers E. Troeltsch – die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft. Sie liefert den Schlüssel zum Haß auf ~n, der von den hineingeborenen und gewöhnlich durch sozialen Druck oder von diesem gestützte emotionale Erpressung dort gehaltenen Mitgliedern von Mehrheitsreligionen getragen wird und ausgeht. Dieser Haß gilt auch jenen ~nmitgliedern, die ihrerseits in diese Mitgliedschaft hineingeboren wurden, da ihnen deren Aufgabe zugunsten herrschender Massenreligionen stets von außen nahegelegt wird und der Verbleib in der diskriminierten und verleumdeten Gruppe daher immer ein Element von eigener Überlegung und insofern freier Entscheidung enthält. Diese wird, wenn sie dem Druck der Massenreligion standhält, von ihr als »Verstocktheit« beschimpft (siehe das jahrhundertelang gängige Schlagwort von den »obstinati Iudaei«). – Besteht ein Staat mehrheitlich aus ~nmitgliedern, wie vor allem die USA, so verschwindet die Diskriminierung der ~n; sie ändern dadurch auch ihren eigenen Charakter, der ja hauptsächlich im Ausharren gegen eine feindliche und privilegierte Mehrheit entstanden war; z.B. lassen der meist typische Gerechtigkeitssinn und die geistige Unabhängigkeit ihrer Mitglieder durch diesen Situationswechsel rasch nach, können im Privilegierungsfall sogar erwartungsgemäß nach einigen Generationen durch ihre Gegenteile ersetzt werden.
     Aus der langen Zeit der sachlichen also noch nicht pejorativen Wortverwendung stammt z.B. – in der Bedeutung »Mönchsorden« – die engl. Bezeichnung der lamaistischen Mönchsgemeinschaften (black hat sect, yellow hat sect etc.). Auch die athanasianische Mehrheitsfraktion der Christen bezeichnete sich selbst lange Zeit – vor der Abspaltung der »Katholiken« von den »Orthodoxen« – problemlos und offiziell als »catholica secta«.
     Im Gegensatz zu Juden und Moslems haben die Christen als Sekte angefangen, was in einigen ihrer Eigentümlichkeiten fortlebt, besonders der Kirchenstruktur (Kirche), welche für ~n Überlebensvorteile bietet; unter den älteren Weltreligionen sind ihnen in dieser Entstehung bezeichnenderweise nur Buddhisten (die ebenfalls zur Kirchenbildung tendieren) und Jains ähnlich, welche ebenfalls nicht als Staats- oder Stammesreligionen angefangen hatten. Entscheidendes hierfür hatten die Christen von den Juden gelernt bzw. übernommen, die es als erste geschafft hatten, den Sprung von der Staatsreligion zur ~ zu überstehen, was für ihr substanzielles Überleben in einem ihnen eher feindseligen Großstaat (dem babylonischen) notwendig geworden war; dadurch erhielten ihre Priesterschriften als Bindemittel (anstelle des Tempeldienstes, der ja vorübergehend unmöglich geworden war) eine praktische und religiöse Bedeutung (Bibel), die sie sonst nicht erlangt hätten; Christen und danach auch Manichäer und Moslems sowie viele spätere Religionen profitieren von der Herausbildung dieses organisatorisch-ideologischen Musters. Erst im Rahmen der Bekämpfung frühbürgerlicher Bewegungen, die sich gemäß der Zeit als religiöse Opposition formierten, wurde der Begriff ~ mit pejorativen Konnotationen versehen, die sich seither nie ganz verloren und in neuester Zeit zu maßloser Hetzkraft gesteigert haben, welche sie sogar im Hochmittelalter in dieser Intensität nie besaßen (analog zum Antisemitismus der NSDAP, der an reiner Negativität seiner Konnotationen seine religiösen Vorläufer und Grundlagen emotional übertraf); objektiv, d.h. hinsichtlich des bezeichneten Gegenstandes statt der auszulösenden Emotionen, hat der Begriff dagegen seit ca. 800 Jahren weitgehend unverändert die hier angegebene Bedeutung.


 
 
 

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