Sexualität
(von lat. sexus »[natürl.] Geschlecht«):
Gesamtheit aller mit der geschlechtlichen Vereinigung verbundenen Vorgänge und Empfindungen. –
Da die geschlechtl. Vereinigung seit mindestens 800 Mio. Jahren, in Vorstufen noch viel länger besteht, sind mit ihr im Laufe der Organismenentwicklung zahlreiche sekundäre Mechanismen verknüpft worden, die einerseits zu ihrer Durchführung motivieren, andererseits artüberschreitende Paarungen (wegen deren reproduktiven Nachteilen) verhindern sollen. Dies führte bei allen sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen, die über ein einigermaßen entwickeltes Nervensystem verfügen, einerseits zur Lustempfindung bei ungestört ablaufenden Sexualvorgängen, andererseits zur Entwicklung aufeinander abgestimmter und zugleich artspezifischer Schlüsselreize. (Ein Schlüsselreiz kann ebenso eine morphologische Struktur wie ein Verhalten sein; beides löst ein jeweils spezifisches Verhalten im artgleichen Sexualpartner aus, welches seinerseits als Schlüsselreiz fungieren kann, bis die eigentliche Paarung vollzogen wird. Diese schlüsselreizbedingten Sexualhandlungen nennt die Psychoanalyse beim Menschen etwas unscharf »Vorlustakte«.)
Freud definiert die ~ als »Lustgewinnung aus der Reizung empfindlicher Körperstellen« (= »erogene Zonen«, siehe GW V 67sqq.); er trifft damit den biologisch-psychologischen Sachverhalt insofern, als im Zentrum sexueller Handlungen stets dieser so und nicht anders erzielte Lustgewinn steht, welcher zugleich ihr einziges primäres Motiv herstellt, wie auch entsprechende Reizungen an der Peripherie der sexuellen Vorgänge im Rahmen der Schlüsselreizsequenz eingebaut sein können (aber nicht müssen; auch eine jeweils spezifische Wahrnehmung ohne Reizung »erogener Zonen« kann als Auslöser einer Handlung/Empfindung fungieren). Die Schlüsselreiz-Sequenz zerlegt die Psychoanalyse etwas irreführend in »Partialtriebe« (da sie sich aufgrund von Störungen verselbständigen können und im Kindesalter auch sequenzunabhängig auftreten, wie dies auch für Sequenzteile anderer, nichtsexueller Triebabläufe bei vielen Tierarten festzustellen ist, z.B. gewisse Formen des Jagd- und des Gesangs[Reviermarkierungs- u.ä.]-Verhaltens). Gegenüber der psychoanalytischen Terminologie ist die ethologische (d.h. die der viele Jahrzehnte später entwickelten Verhaltensforschung) aufgrund ihrer fortgeschritteneren und auf breitere Basis gestellten Forschungssituation überlegen und sollte bevorzugt werden. Der empirische Ansatz der Psychoanalyse erfaßt die subjektiven Vorgänge (zumindest bei unserer Art) wohl korrekt, doch fehlt ihm deren evolutionär-funktionales Verständnis.
Da die sexuelle im Vergleich zur asexuellen Fortpflanzung sehr aufwendig ist, muß sie einen Evolutionsvorteil bieten. Viele Taxa von Insekten bis Eidechsen (und zahlreiche Pflanzen) haben die sexuelle Fortpflanzung verlassen, doch nie mit großem biologischen Erfolg. Eine Erhöhung oder Optimierung der Mutationsrate ist durch die ~ nicht gegeben.
Wahrscheinlich liegt der Vorteil der ~ in der Kombination von selektiv neutralen Mutationen mit anderen Genen im Genpool der Art, welche für sich entweder ebenfalls selektiv neutral oder sogar leicht schädlich wären, mit dem neuen Gen zusammen jedoch einen Selektionsvorteil bewirken. (Ohne ~ würden sie wesentlich seltener auf dieses stoßen; die neue, in dieser Kombination vorteilhafte Mutation würde zu häufig aussterben, bis sie, was nur durch eine eher unwahrscheinliche Zusatzmutation oder sofortigen Zufall – sie müßte in einem Träger des geeigneten Zweitgens entstehen – möglich wäre, auf eben jenes andere Gen stößt. Diese Wahrscheinlichkeit wird durch die ~ erheblich erhöht, wodurch die Evolutionsgeschwindigkeit (bei gleicher Generationslänge) heraufgesetzt und dadurch ein interspezifischer Selektionsvorteil erzeugt wird. Dazu paßt, daß sekundär asexuelle Arten meist in extremen Lebensräumen entstehen, d.h. in Zonen herabgesetzter interspezifischer Konkurrenz. (Seltene Arten in ressourcenreichen Lebensräumen, etwa hochspezialisierte Korallenfische, die durch ihre zur Partnerfindung notwendige optische Auffälligkeit und daher Feindgefährdung doch vom Ausstieg aus der ~ auch erhebliche Vorteile zu erwarten hätten, unterlassen diesen aber immer, weil ihre Evolutionsgeschwindigkeit der heftigen interspezifischen Konkurrenz um die Ressourcen standhalten muß.)
Vom sekundären Aufgeben der ~ ist der Generationswechsel zwischen geschlechtlichen und ungeschlechtlichen Generationen zu unterscheiden, welcher wesentlich häufiger auftritt und als eine Art extremer »r-Strategie« zu verstehen ist, d.h. das rasche Zusiedeln neuer Lebensräume erleichtert (z.B. neugefundener Wirtspflanzen bei Blattläusen). Dagegen erreicht die echte Zwittrigkeit, d.h. die volle gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Ausprägung beider Sexualfunktionen beim gleichen Individuum, wie sie besonders bei in der Partnersuche ja sehr eingeschränkten Endoparasiten vorkommt (z.B. Bandwürmer und Leberegel), einen ähnlichen Effekt wie die sekundär asexuelle Fortpflanzung. Von echten, d.h. zweigeschlechtlich funktionsfähigen Zwittern sind die Intersexe ( Hermaphroditen, Gynander) zu unterscheiden, die aufgrund der prinzipiellen Bisexualität aller mehrzelligen Lebewesen bei nahezu allen Arten als Mißbildung auftreten können und nicht fortpflanzungsfähig sind.
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