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Warenfetisch: In warenproduzierenden Gesellschaften verbreiteter Irrglaube, daß der jeweilige Wert (= Tauschwert) der Waren eine Eigenschaft derselben sei, anstatt quantitativer Ausdruck der zu ihrer Herstellung benötigten Arbeitszeit zu sein.

   Der auf Marx zurückgehende Begriff des ~s bezeichnet die vor allem in der Ökonomie verbreitete Ansicht, daß es zu den Eigenschaften bestimmter Waren (z.B. Gold, Perlen, Edelsteine, etc.) gehöre, wertvoll zu sein, anstatt den Wert als Ausfluß ihrer im Verhältnis zur Herstellung anderer Waren aufwendigeren Gewinnung, sprich Herstellung, zu sehen. Der dem Religiösen entlehnte und von Marx ironisch verwendete Begriff des ~s zielt darauf ab, daß besagte Ökonomen den Waren Eigenschaften andichten, die sie nicht besitzen, ganz analog wie Religiöse dies mit für sie heiligen Gegenständen tun (wodurch z.B. nach katholischer Lehre geweihte Oblaten und Flüssigkeiten besondere Eigenschaften erhalten haben sollen, die ungeweihte nicht haben). Marx bemerkt hierzu: „Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt“ (Marx, 'Das Kapital', MEW XXIII p.98). Ebenso zu der in die gleiche Richtung zielenden ökonomischen Diskussion über die Rolle der Natur in der Bildung des Tauschwerts: „Da der Tauschwert eine bestimmte gesellschaftliche Manier ist, die auf ein Ding verwandte Arbeit auszudrücken, kann er nicht mehr Naturstoff enthalten als etwa der Wechselkurs“ (ebd. p.97).
   Ursächlich für den ~ ist die imaginäre Substanzialisierung eines gesellschaftlichen Verhältnisses (nämlich einer Folge des Marktes; ohne Markt, z.B. beim heimlichen Tausch begehrter Gegenstände in einem Gefängnis, kann er nicht eintreten, da die Häftlinge den „Preis“ der begehrten Gegenstände mit Recht nur von deren relativer, durch Willkür bestimmter Knappheit ableiten werden, aber nicht als deren immanente Eigenschaft betrachten, wie sie z.B. Gold in der Vorstellung gerne zugeschrieben wird). Damit meint Marx, daß der Wert der Waren als quantitativer Ausdruck der in sie hinein geflossenen abstrakten menschlichen Arbeit, hergestellt unter bestimmten gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, subjektiv eine Art Verkörperlichung erfährt und anschließend als deren Eigenschaft in die Waren hineingelegt wird, während in Wirklichkeit Arbeitsquanten gegeneinander ausgetauscht werden. Diese den warenproduzierenden Gesellschaften anhaftende Hypostasierung des Wertes der Waren käme in einer Gesellschaft, in der die Produktionsmittel allen gehören, und gemeinsam verwaltet werden wie z.B. der Besitz einer Aktiengesellschaft, zum Schwinden, da dort die Quanten der auf eine bestimmte Bedürfnisbefriedigung gerichteten Arbeitszeiten gemeinschaftlich festgelegt, sprich: geplant werden, während der Beitrag des Individuums zu der Gesamtmenge der aufgebrachten gesellschaftlichen Arbeit durchsichtig ist und in der Folge auch seinen Anteil an der Verteilung dieses gemeinsam erwirtschafteten Arbeitsproduktes bestimmt. (Weitergehende Utopien müssen als Spekulation betrachtet werden.)
   Mittlerweile hat der komplexe, aber eindeutige Begriff des ~s allerdings die krudesten Bedeutungsveränderungen erfahren, und soll bisweilen als Ursache allen Übels dieser Welt herhalten. Vornehmlich wird der Begriff ~ von den herrschenden Vorteilsnehmern und ihrem Suggestionsapparat seit längerer Zeit zur Verteufelung der sog. bösen Konsumgesellschaft und zur Einpeitschung der aufgrund Überbevölkerung und zunehmender Rohstoffknappheit wieder modernen Verzichtsideologie verwendet. So soll es sogar einen weihnachtlichen Warenfetisch geben, welcher dann auf wundersame Weise nach Weihnachten wieder entschwindet; gemeint ist hier natürlich der höhere Umsatz an Weihnachten aufgrund der Geschenkekäufe, was aber mit dem Marx'schen Begriff des ~s so viel zu tun hat wie besagtes christliches Glaubensfest mit dem Weihnachtsmann.

 


 
 
 

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